Wie kann ich meine Vergangenheit achten?

Einmal erkannt, dass Entscheidungen oder ganze Lebensabschnitte dafür gesorgt haben, dass man sich oder andere in eine schlimme Situation gebracht hat oder vielleicht sogar krank geworden ist, lässt uns oft zweifeln und unsere Entscheidungen, unseren Lebensweg abwerten.

Die Abwertung dessen was war, hat mir nie geholfen. Die Annahme schon eher. Und damit meine ich nicht das Verklären oder Schönreden von Dingen, sondern die ehrliche und schonungslose Auseinandersetzung mit dem, was war und vielleicht auch warum es so war, jedoch ohne dies zu bewerten. Danach folgt meist Wut über das, was wir uns selber oder auch anderen zugemutet und angetan haben. Und wenn die Wut darüber gefühlt und nochmal durchlebt ist, kommt die Trauer.

Für mich war die Wut immer Kampf, oft auch gegen mich oder gleich gegen die ganze Welt. Und leider bin ich immer wieder in der Wut hängen geblieben und habe mich an Ihr abgearbeitet. Irgendwann habe ich verstanden, dass die Wut nur die erste, oberste Schicht ist, um dann an etwas anderes zu kommen.

Wenn man die Wut so versteht und ihr Raum gibt, kann sie sehr hilfreich für den Heilungsprozess sein. Denn sie ist stark und laut, sie holt dich aus der Starre in die Bewegung, sie fordert die Auseinandersetzung vehement, aber sie kann auch zerstörerisch wirken und Heilung verhindern. Wenn man in ihr zu lange verharrt und sie nicht als nur ein Gefühl wahrnimmt, sondern als das einzige Gefühl, die einzige Antwort auf das, was uns widerfahren ist. Dann bestimmt die Wut irgendwann unser Verhalten, unsere Entscheidungen. Dann führt die Wut nicht zur Heilung, sondern wird Bestandteil von uns. Und dann hört das Kämpfen nie auf…

Wenn ich es schaffe, durch die Wut zu gehen und nicht in ihr zu verharren, dann komme ich an die Trauer. Die Trauer will ebenfalls durchlebt und gefühlt werden. Die Trauer zu spüren und die Tränen über das, was ich mir angetan habe, zu weinen, hat Transformationskraft und Heilung kann geschehen. In der Trauer bin ich wieder in Kontakt mit mir und den anderen. In der Trauer bin ich nicht mehr im Kampf gegen mich und die Welt, sondern in der Verbindung und kann annehmen, dass meine Strategien, Lebensentscheidungen mich hier hin geführt haben. Und dann kann Veränderung geschehen, denn ich verstehe und spüre, was nicht mehr hilfreich für mich ist und wo und wie ich Neues in mein Leben einladen möchte.

Auch in der Trennung von ehemaligen Partnern war das Endlieben, das Loslassen immer erst möglich, wenn ich mir Zeit gegeben habe zu toben, zu kämpfen und vielleicht sogar zu hassen. Um dann, wenn alles in mir leiser und stiller wurde, über den zerbrochenen Lebenstraum und all die Versprechen, die man sich in guten Zeiten gegeben hat, zu weinen und zu trauern. Erst dann war ich wieder frei für eine neue Liebe.

Die eigene Vergangenheit zu achten, heißt nicht sie zu verklären, sondern sie auf einer tieferen Ebene als den eigenen Weg zu verstehen und anzunehmen.

Herzlich

Ihre

Tanja Peters