Wie Sie Ihre Gegenwart positiv beeinflussen können…

Ereignisse der Vergangenheit können wir nicht ändern,
lediglich die Auswirkungen, die sie auf uns haben.
-Virginia Satir-

Aus der Kindheit kommt niemand unbeschadet raus… Das habe ich mal irgendwo gelesen und gedacht: Ja, stimmt! Meine Eltern haben sich wahrlich Mühe gegeben, es war genug Zeit, Geld und Liebe da. Trotzdem habe ich meine Portion an Verletzung abbekommen, so wie die meisten anderen Menschen auch.

„Woran merke ich, dass ich in einer Interaktion oder einem Konflikt nicht mit meinem Erwachsenen-Ich reagiere?“ werde ich oft in der Beratungen gefragt. Immer dann, wenn wir nicht adäquat reagieren und uns im Nachgang wundern, wie es zu einer so heftigen, überraschenden oder ungewohnt emotionalen Reaktion kommen konnte. Dann hat nicht das Erwachsenen-Ich reagiert, sondern unser verletztes, inneres Kind war verantwortlich für die Reaktion. Ein weiteres Zeichen ist es, wenn wir uns immer wieder in die selbe Situation bringen oder bringen lassen und das Muster von Auslöser und heftiger Reaktion sich stetig wiederholen. Oft geht dies einher damit, dass wir uns an dem, der die Reaktion vermeintlich ausgelöst hat, abarbeiten. Gerne müssen für diese Projektionen in unserem Arbeitsleben die Chefin oder der Chef herhalten. Wir fühlen uns in der Opferrolle und haben das Gefühl, wir haben keine andere Handlungsalternative. Der andere wirkt übermächtig, denn er kann ja diese Art von Reaktionen bei uns auslösen. Und so wiederholt sich das Muster stetig: Knopfdruck auf die alte Verletzung, es folgt die starke, unangemessene Reaktion, wir ärgern uns über den unempathischen Chef oder die autoritäre Chefin und regen uns auf, wir toben und sind verletzt, aber auch wieder verwundert, das eine „Kleinigkeit“ solche Gefühle bei uns auslösen kann. Im schlechtesten Fall geht es am Montag wieder von vorne los.

Meist leiden alle Involvierten unter der Wiederholung dieses Musters, finden aber keinen Ausweg. Aus meiner Sicht gibt es nur eine Möglichkeit aus dem Muster auszusteigen: Wir erkennen an, dass es sich um eine alte Verletzung handelt und der Auslöser nicht Schuld an der Verletzung ist. Er reißt lediglich die schon vorhandene Wunde auf. Und wenn wir dann noch die Entscheidung treffen, den „Schuldigen“ nicht länger für unsere Reaktion verantwortlich zu machen und aus der Opferrolle heraustreten, dann kann die Arbeit mit den inneren verletzten Anteilen beginnen.

In schweren Fällen, in denen es in der Kindheit zu Traumata und tiefen Verletzungen gekommen ist, braucht es sicherlich professionelle, unterstützende Hilfe für die jeweilige Person. Für die vielen kleinen und mittelgroßen Verletzungen, die die meisten von uns erlitten haben, kann die Arbeit, wenn gewünscht, auch eigenständig gemacht werden.

Noch ein Wort zu den Menschen, die uns diese Verletzungen zugefügt haben. Oft denken wir, wenn doch unsere Eltern, Geschwister, Familie oder Lehrer sich einfach bei uns entschuldigen würden, wenn es ein klärendes Gespräch gäbe, dann könnte die Verletzung problemlos heilen. In meiner Erfahrung ist dies oft nicht der Fall. Einmal weil die Menschen – oder bleiben wir hier sehr konkret bei den Eltern – die Verletzung nicht willentlich zugefügt haben. Sie wussten es nicht besser, sie haben mit ihren eigenen Verletzungen und Begrenzungen gekämpft und tun dies heute noch. Sie sind sich also der Verletzung entweder gar nicht bewusst oder aber sehen ihre Handlung immer noch in einem anderen Licht und verstehen unsere Verletzung nicht. Beides hilft uns nicht bei der Heilungsarbeit und könnte eher noch zu neuen Verletzungen führen.

Oder die Verletzungen wurden willentlich zugefügt, dann ist erst recht ein klärendes Gespräch aussichtslos. Hier ist es eventuell sinnvoll auf Abstand zu gehen und sich professionelle Hilfe zu holen.

Für alle, die es eigenständig versuchen möchten, hier die einzelnen Schritte für die Arbeit mit dem verletzten, inneren Kind:

BEWUSSTWERDUNG
Der erste Schritt ist natürlich die Erkenntnis der Situation: Ich erkenne, ich reagiere in einer Interaktion nicht adäquat, meine Reaktion ist unangemessen heftig, ich fühle mich wie ferngesteuert, ja vielleicht sogar handlungsunfähig, ohnmächtig, ausgeliefert.

ANNAHME
Schon Virginia Satir sagte: „Die Vergangenheit zu schätzen und zu akzeptieren, vergrößert unsere Fähigkeit die Gegenwart zu bewältigen.“ Deshalb ist der zweite Schritt die Annahme. Ich nehme bewertungsfrei an, dass es diese Verletzung in mir gibt.

RAUM GEBEN
Der dritte Schritt in Richtung Veränderung und Heilung ist es einen Raum zu schaffen, in dem ich diesen Anteilen die Erlaubnis geben kann, sich zu zeigen, ohne Scham, Schuld oder Verurteilung. Ich darf toben, schreien, weinen, anklagen, vorwerfen, so lange und so laut, bis alles raus ist und es langsam ruhig und friedlich in mir wird.

VERANTWORTUNG
Der wichtigste Schritt ist es, die Verantwortung für mein inneres verletztes Kind zu übernehmen. Denn für dieses bin ICH im Erwachsenenalter selber verantwortlich, nicht mehr meine Eltern. Nur ich selber kann meinem inneren Kind im hier und jetzt Sicherheit, Geborgenheit und Liebe geben. Ich nehme die jüngere, kleinere Version von mir in den Arm und tröste sie. Hilfreich für diese Heilarbeit kann es sein, sich ein Kissen mit einem Portrait aus Kindertagen bedrucken zu lassen und dieses dann in den Arm zu nehmen.

ZEITRAUM
Die Arbeit nimmt die Zeit in Anspruch, die es braucht bis die Verletzung heilen kann. Sie werden merken, wenn Ihre Verletzung langsam verheilt und Sie beginnen andere Reaktionsmuster zu zeigen.

Ich wünsche Ihnen die nötige Annahme, Geduld und einen liebevollen Umgang mit sich für diese Arbeit. Sollten Sie Fragen dazu haben oder Begleitung und Unterstützung benötigen, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir auf.

Herzlich
Ihre Tanja Peters